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SALZBURGER FESTSPIELE BLOG

MONTBLANC YOUNG DIRECTORS AWARD 2013

21 AUG 2013

by FESTSPIELKIEBITZ  12:48 h;
veröffentlicht in: Schauspiel

Mokhallad Rasem (Foto: Franziska Krug / Getty Images)
Die Jury bestehend aus Dr. Helga Rabl-Stadler (Präsidentin der Salzburger Festspiele), Thaddaeus Ropac (Galerie Ropac), Brigitte Hobmeier (Schauspielerin), Ulrich Khuon (Intendant) und Michael Köhlmeier (Autor) vergibt den MONTBLANC YOUNG DIRECTORS AWARD 2013 für die beste Regieleistung an Mokhallad Rasem.

Jurybegründung:

Meine sehr verehrten Damen und Herren!

Die Tiere und die Kinder in den Straßen – sie werden auf die Bühne gezaubert von Suzanne Andrade und ihrem Team, und das mit einer Leichtigkeit, hinter der die große Arbeit nicht zu schmecken ist. Wir staunen über die Perfektion, mit der Comics, Video und Pantomime ineinander greifen. Die Poesie des Textes führt uns in eine behaglich schaurige Welt, die uns an Alice im Wunderland erinnert, und wie dort begegnen wir den merkwürdigsten Figuren. Sollen wir über sie lachen, sollen wir uns vor ihnen fürchten? – The Animals and Children Took to the Streets, in der Regie von Suzanne Andrade.

Wie viel Jedermann verträgt Salzburg? Bastian Kraft hat die theatralische Ehrwürdigkeit schlechthin einem Crashtest unterzogen. Was bleibt, nachdem die Religion aus dem Leben und Sterben des reichen Mannes herausgerockt wurde? Philipp Hochmair mutet sich alle Rollen des Stücks zu, die Musikerin Simonne Jones spielt E-Gitarre und Tod. Der Jedermann ist verstaubt? Dieser nicht! Der Tod kennt alle Verkleidungen, er kennt jede Abschiedsmusik, jedes Abschiedswort, sei es geflüstert, geschrien, gerappt oder gebetet. – Jedermann, auf die Bühne gebracht von Bastian Kraft.

Dass Liebe und Hass in einer Beziehung nicht nur nebeneinander existieren, sondern mitunter in einer einzigen Regung, einem Blick, einem Wort gleichzeitig wirksam sein können, ja dass sie einander brauchen, dass die stärksten aller Gefühle aufeinander angewiesen sind, wenn zwei Menschen gegen eine Welt des Schreckens bestehen wollen – an diese Einsicht führt uns der irakisch-belgische Regisseur Mokhallad Rasem heran. Er nennt sein Stück Romeo und Julia. Nicht dass wir den Titel auf Anhieb verstanden hätten – aber nicht alles „auf Anhieb“ stellt zufrieden. Das Stück erzählt, wovor sich Shakespeare gedrückt hat. Das hat, finden wir, Ambition!

Luis Buñuel stellte in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts mit seinem Film in knapp hundert Minuten alle Seh- und Denkgewohnheiten auf den Kopf. Der diskrete Charme der Bourgeoisie ist nichts anderes als Anarchie. Über alles darf und soll und muss gelacht werden – über die Verwandlung eines Pfahlbürgers in einen gefährlich-hässlichen Quasimodo ebenso wie über automatenhaftes Erschießen, wieder Auferstehen und abermaliges Erschießen bis zur Erschöpfung von Opfer und Täter. Jan Mikulásek hat den Filmklassiker als Vorlage für die Kritik an politischen Zuständen in seiner Heimat Tschechien und anderen osteuropäischen Ländern genommen. Und er hat dabei die surrealistische Empfehlung befolgt, den Humor als Waffe einzusetzen. Und das Gelächter schlägt in Grauen um.

Manchmal lesen wir ein Buch oder hören ein Musikstück und betrachten ein Gemälde oder sehen uns ein Theaterstück an, und plötzlich fühlen wir den Blick des Autors, des Komponisten, des Malers, des Regisseurs auf uns gerichtet – ich korrigiere mich: auf mich gerichtet. Nicht auf den neben mir. Auf mich. Das sind magische Augenblicke. So etwas vermag nur Kunst. Hinterher sagen wir: Das Werk hat uns „berührt“. Wir sind verlegen und verwenden diese Floskel, um den Schmerz zu verharmlosen, der uns angetan wurde.

In dem Stück, das die Jury ausgewählt hat, gab es solche Momente. Es tut uns weh, plötzlich zu erkennen, dass wir ausgerechnet den Menschen am meisten lieben, den wir am meisten hassen. Wir wollen weinen und wollen uns freuen. Und sind – berührt.

Die Jury plädiert dafür, den Preis des Young Directors Project an Mokhallad Rasem für dessen Stück Romeo und Julia zu vergeben.

 

Die Jurybegründung wurde verfasst von Michael Köhlmeier.


Der MONTBLANC YOUNG DIRECTORS AWARD ist mit einem Preisgeld in Höhe von € 10.000,- sowie dem exklusiv für diesen Anlass entworfenen Montblanc Mozart Pen dotiert.

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