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SALZBURGER FESTSPIELE BLOG

Die Jungfrau von Orleans • Sven-Eric Bechtolf im Gespräch mit Michael Thalheimer

31 JUL 2013

by FESTSPIELKIEBITZ  15:49 h;
veröffentlicht in: Schauspiel

Die Jungfrau von Oreans: Andreas Döhler, Kathleen Morgeneyer (Foto: Arno Declair)
Sven-Eric Bechtolf: Aus gegebenem Anlass: Glaubst du an Gott?
Michael Thalheimer: Oh, gleich ins Eingemachte! Am meisten damit auseinandergesetzt habe ich mich damit wohl während meiner „Faust“-Inszenierung am Deutschen Theater. Fausts Antwort auf Gretchens Frage – eigentlich die pantheistische Antwort von Goethe selbst – ist sensationell. Aber Gretchens Frage bleibt stärker. Ich könnte ähnlich antworten wie Faust, spüre aber, dass das nicht genügt. Mir selbst nicht genügt. Dass die Frage immer stärker bleibt als jede Antwort, die ich geben könnte. Ich habe eine Sehnsucht nach dem Glauben, aber ich kann nicht sagen: „Ich glaube.“ Ich würde aber auch nicht sagen: „Ich glaube nicht.“

An was für einen Gott glaubt Johanna? Dieser Gott ist ja ziemlich parteiisch, er hält zu Frankreich und will die Engländer vernichten?
Diese Frage stellen wir uns – aber Johanna stellt sie sich überhaupt nicht! Sie hat nur ihren Auftrag. Diese Absolutheit macht sie für Schiller als Staatsgründerin tauglich. Wir Deutschen hatten und haben solche Figuren ja gar nicht. Höchstens im Negativen. Unsere Johanna wäre dann vielleicht eben der Faust. Aber taugt der als Vorbild für eine Nation? Ein Mann, der zu Beginn des Stückes vor dem Selbstmord steht, der ein Mörder wird, ein Täter, der nicht mit Gott, sondern mit dem Teufel im Bund steht? Möglicherweise ist er aber auch genau deswegen der passende Held für uns.

In was für eine Welt installiert Schiller seine Johanna?
In einen Sumpf. Verderbte, rachsüchtige, schwache, gierige, ungebildete, kriegerische, barbarische Menschen. Denen soll Johanna den Weg weisen. Und gleichzeitig instrumentalisieren diese Figuren Johanna. Ist das Ziel erreicht, was passiert dann mit ihr? Dann ist sie beinah störend und soll verschwinden. Seltsamerweise schürt Schiller die Zweifel an der Echtheit und dem Wert ihres Auftrags. Der eigene Vater hält sie für eine Hexe. Ihr Opfer scheint angesichts der Menschen und des Systems, für das sie es erbringt, vergeblich, sie wird zur Mörderin, verzichtet auf die Liebe usw.

Ist das bei Schiller dramaturgisches Geschick, sehen wir ihm beim Zweifeln und Denken zu – oder unterläuft ihm das nur?
Man kann ihm ja nicht Haltungslosigkeit vorwerfen. Er ist sowohl Historiker als auch leidenschaftlicher Dichter, der etwas verändern will, der einen Glauben an die Gesellschaft, an den einzelnen Menschen hat. Deshalb glaube ich nicht, dass ihm das unterläuft. Weshalb löst Johanna bei allen Figuren des Stücks, bei uns und wohl auch bei ihm, so eine Faszination aus? Weil sie nichts infrage stellt! Alle zweifeln, auch Schiller – und sie nicht. Deswegen steht sie im Zentrum. Nicht zu zweifeln ist aber zugleich etwas Schreckliches. Der zweifelnde Mensch ist ja der kluge Mensch.

Mindestens sind diese Gegenläufigkeiten bei Schiller zu betonen, weil man ihn so schnell der marmornen Klassik zuordnet. Die erfüllt er ja auch formal, mit fünffüßigen Jamben und der richtigen Akteinteilung, trotzdem hat man das Gefühl, er laufe mit aufgerissener Brust herum. Zwischen Empörung und Fatalismus.
Vielleicht nicht Fatalismus, sondern Einsicht. Philipp der Zweite im „Don Carlos“ muss bestimmte Dinge so tun, wie er sie tut. Dagegen kommt Carlos mir dann unverantwortlich, verträumt und pubertierend vor.

Und der König von Frankreich?
Karl der Siebte in der „Jungfrau“ ist wieder ein anderer Fall. Der will gar nicht König sein. Der ist dieser Aufgabe gar nicht gewachsen. Der möchte sich lieber hinter die Loire in sein Lustschloss zurückziehen, Feste feiern und dieses Frankreich vergessen. Er hat dafür keine Vision und keinen Gedanken. Johanna macht ihn erst zum König. 1792 wurde während der Französischen Revolution das Grab Karls des Siebten geplündert und seine Überreste wurden in ein Massengrab geworfen. Schiller war sich dieser Ironie der Geschichte sicher bewusst.

Insofern ist die Gattungsbezeichnung „Romantische Tragödie“ sehr bedacht gewählt?
Ja!

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