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SALZBURGER FESTSPIELE BLOG

„Ich habe Sir John Tomlinson geküsst.“

30 JUL 2013

by Christopher Maltman  14:21 h;
veröffentlicht in: Oper

Chris Maltman (Foto: Pia Clodi)
„Ich habe Sir John Tomlinson geküsst. Viele, viele Male. So, jetzt ist es heraus. Und, glauben Sie mir, das ist nicht etwas, das ich im Lauf meiner Karriere erwartet hätte, nicht einmal in den wildesten Tagträumen meiner studentischen Jugend. In der Tat hat dieser Sommer eine ganze Reihe von ‚ersten Malen‘ für mich bereitgehalten. Meine erste Enthauptung auf offener Bühne (ich muss gestehen, dass ich am ersten Abend etwas zu enthusiastisch war, so dass der Kopf des Grünen Ritters irgendwo zwischen den Kontrabässen landete), meine erste Kannibalismus-Erfahrung, sowohl aktiv wie passiv, und schließlich das erste Mal, dass ich fünfundzwanzig Minuten unter einer Decke verbrachte. All dies waren Opernmeilensteine, die ich niemals hätte voraussehen können.

Wenn ich allerdings ein einziges Wort herauspicken sollte, das die besten und schlimmsten Aspekte des Lebens als wandernder Opernsänger, wie ich einer bin, zusammenfasst, wäre das ‚unvorhersehbar‘. Wir werden oft gebeten, an die exotischsten Orte zu reisen, wir werden wie Prinzen und Prinzessinnen behandelt, wir speisen mit den Großen und den Mächtigen, haben den Kopf in den Wolken und schweben ätherisch durch Opern, die von Coutouriers ausgestattet werden. Eine Woche darauf sitzt man möglicherweise in Birmingham im Regen, isst belegte Brote und zieht sich vor dem Konzert in einer besseren Toilette um, nachdem man sein eigenes Hemd gebügelt hat. Ich finde diese Kontraste wunderbar ausgleichend und erhellend an dem, was ich in Ermangelung eines besseren Ausdrucks meinen Job nenne. Die exquisiten Erlebnisse von Luxus und Privilegien erwecken in mir oft ein Bedürfnis nach einfacher Alltäglichkeit. Um ein aktuelles Beispiel zu geben: Heute morgen ein undichtes Waschbecken zu reparieren, während ich mich geistig auf meine zweite Gawain-Vorstellung vorbereite, lässt mich die Momente höher schätzen, in denen sich andere um jedes meiner Bedürfnisse kümmern.

Das Gleichgewicht ist einer der Gründe, warum ich Salzburg liebe. In meinem letzten Blog deutete ich einige der heimlichen Vergnügungen an, die ich am Leben und Arbeiten in dieser atemberaubenden Stadt genieße. Doch alles hier sticht durch Exzellenz hervor, sei es nun die ‚Hochkultur‘ oder das ‚Erdverbundene‘. Diejenigen, denen die Salzburger ‚Sommer‘ vertraut sind, werden sich über unseren diesjährigen Juli wundern, der das Thermometer mitunter die 40-Grad-Marke durchbrechen ließ. Normalerweise werden die wenigen himmlischen Tage, an denen es über 30 Grad geht, durch ebenso temperamentvolle Wolkenbrüche und Temperaturen im Zehnerbereich ausgeglichen. Beides ist atemberaubend. Jeder Besuch in Salzburg beginnt für mich mit einem Pilgergang zum Augustinerbräu, wo ich eines der für mich besten Biere der Welt genieße. Es ist köstlich und wunderbar einfach, im Gegensatz zu meinen Besuchen bei Obauer und Ikarus, aber ich genieße beide Erfahrungen gleichermaßen in vollen Zügen. Montag könnte ich mich von den Wiener Philharmonikern, Jedermann, Shakespeare oder Mozart unterhalten lassen; Dienstag betören mich vielleicht Bergblumen und die grandiose Aussicht vom Untersberg (nach einer Wanderung, wohlgemerkt!). In Salzburg gerät alles zum Superlativ: einfach oder komplex; Kunst oder Natur; Bier oder Gastronomie. Und als Krönung des Ganzen habe ich auch noch einen echten, lebenden Ritter geküsst. Auf die Wange.“

Chris Maltman

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