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SALZBURGER FESTSPIELE BLOG

Familienmensch Christopher Maltman singt die Titelrolle in der Oper „Gawain“

26 JUL 2013

by Christopher Maltman  17:00 h;
veröffentlicht in: Oper, Allgemein

Christopher Maltman (Foto: Pia Clodi)
„Es kann in der Opernwelt kaum ein größeres Privileg geben, als bei den Salzburger Festspielen eine Titelrolle zu spielen. Ich habe dieses Glück jetzt bereits zum zweiten Mal. Das erste Mal war es Don Giovanni; nun wird es eher ein englischer Antiheld. Das Glück, in Salzburg zu sein, ist jedoch nicht nur professioneller Art. Man muss nur die Augen aufmachen, schon wird man von allen erdenklichen Arten von Schönheit bestürmt, menschengemachte Schönheit und Naturschönheit. Da ich ein Bergfanatiker bin, könnte ich meine zwei Monate problemlos mit Wandern, Klettern, oder – der Abwechslung halber – in einem der wunderbaren Seen schwimmend verbringen. Meine Kinder (die die Gegend ebenfalls lieben) würden wahrscheinlich letztere Option wählen, mit einer großen Portion Schnitzel als Dreingabe. Dieser Sommer jedoch hat bisher aus sechs Wochen harter Arbeit bestanden, um Gawain lebendig zu machen, mit einer gelegentlichen Dosis Ruhe und Entspannung, um nicht verrückt zu werden. Es ist wirklich eine spezielle Erfahrung gewesen.

Jeder, der das Privileg gehabt hat, bei der Geburt seiner Kinder dabei zu sein, weiß, was das für eine erschreckende, überraschende, erstaunliche, chaotische und unordentliche, aber letztlich auch freudige Erfahrung ist. Diejenigen, die diesen Kindern das Leben schenken, würden vielleicht noch ein paar drastischere Adjektive hinzufügen, darunter schmerzhaft mit besonderer Betonung. So ist das bei Geburten. Und so ist es auch mit der Wiedergeburt von Gawain gewesen, einer Oper, die noch nie außerhalb ihres britischen Heimatlandes inszeniert worden ist. Wir, die mehrheitlich britische Besetzung, hatten unsere ganz eigenen Erwartungen an dieses moderne Meisterwerk mitgebracht – unsere Vorstellungen, wie dieses auf einem der berühmtesten Epen der mittelalterlichen englischen Literatur beruhende Werk sein sollte, würde und könnte. Wie bei den meisten frischgebackenen Eltern, die aus dem Kreißsaal wanken, liegen unsere romantischen Vorstellungen und Ideale nun etwas angeschlagen und ramponiert zu Boden – aber trotz der störrischen Individualität unseres krabbelnden Opernnachwuchses und seiner unbezähmbaren Missachtung dessen, was wir glaubten, was er sein sollte, lieben wir ihn nichtsdestoweniger.

Alvis Hermanis, unsere Regie-Hebamme, hat das England König Arthurs und seiner Ritter in die nahe Zukunft verpflanzt. Eine globale Naturkatastrophe hat die Überreste der Menschheit in direkte Konfrontation mit der rachsüchtigen Gaia gebracht, und da sie von der verzeihenden Art ist, beschließt sie, Gawain – dem selbsternannten Botschafter der Menschheit – eine Nachhilfestunde in Sachen Bescheidenheit zu verpassen. So werden die ökologischen Tendenzen dieses Epos aus dem 14. Jahrhundert mit Aktualität aufgeladen; Mensch und Natur sind hier Gegenspieler und Gegner. Ich würde die Katze ja weiter aus dem Sack lassen, aber ich habe Angst, dass sie dann aufgefressen wird – Sie müssen also unser Hollywood-Epos selbst erleben, wenn Sie neugierig auf die Details sind. Ich schreibe dies direkt vor unserer Premiere, und wie üblich schwanke ich wild hin und her zwischen Aufregung, Spannung und schierem Grauen. Naja, wir werden sehen, welches die Oberhand gewinnt, wenn der Korken endlich aus diesem berauschenden Gebräu fliegt und Gawain zum ersten Mal auf ein österreichisches Publikum losgelassen wird!“

Christopher Maltman

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