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SALZBURGER FESTSPIELE BLOG

Die Regisseure der Neuinszenierung „Jedermann“ • Brian Mertes und Julian Crouch

7 JUN 2013

by FESTSPIELKIEBITZ  15:15 h;
veröffentlicht in: Schauspiel

Brian Mertes / Julian Crouch (Foto: Ohne Angabe )
Als die Salzburger Festspiele uns gefragt haben, ob wir uns vorstellen könnten, diese Aufgabe zu übernehmen, haben wir keine Sekunde gezögert. Wir wussten sofort, dass das eine Herausforderung war, der wir uns gerne stellen wollten. Mysterienspiele sind eine Gelegenheit, dem Theater in einer seiner ursprünglichen Formen zu begegnen: einfache Bühnen, die auf öffentlichen Plätzen rasch auf- und abgebaut werden, Stücke, die uns scheinbar – oder vielleicht auch tatsächlich – geistige Erkenntnis vermitteln wollen und das Publikum zugleich auch unterhalten müssen; einfachste technische Mittel, die eine Nähe zwischen Darstellern und Zusehern unter freiem Himmel ermöglichen und eine einfache und dennoch kraftvolle Geschichte.
Natürlich stellte sich uns gleichzeitig die Frage, wie man sich mit den christlich-religiösen Aspekten des Jedermann auseinandersetzt. Der Jedermann ist mehr als nur ein Schauspiel: er ist eine Tradition, ein Ritual – und zwar eines, das vor einem sehr großen und bunt gemischten Publikum stattfindet. Unsere Produktion wird nur dann erfolgreich sein, wenn es ihr gelingt, Menschen aller Glaubensrichtungen und Kulturen anzusprechen. Manche der Zuschauer werden die Vorgänge aus der Perspektive ihrer eigenen religiösen Überzeugung sehen, andere nicht. Ausgehend von der Einfachheit und der Unmittelbarkeit der Geschichte hoffen wir, eine Aufführung  zu erarbeiten, die in der Lage ist, Phantasie und Emotionen all dieser unterschiedlichen Menschen anzusprechen, aus denen sich unser Publikum zusammensetzen wird. Der Jedermann gehört schließlich allen.
Die uns selbstverständliche Tatsache unserer Sterblichkeit ist uns zugleich das größte Mysterium. Dass all unser Bemühen, unser Besitz, unsere Verdienste sich letztlich in Nichts auflösen, ist eine Zumutung, die wir bis zu dem Zeitpunkt verdrängen, wo sie uns unwiderruflich ereilt. Dass unser Leben so vorläufig und unser Tod so unausweichlich ist, stellt eine Bedrohung dar, der wir zu entkommen suchen, indem wir uns beispielsweise ein Leben nach dem Tod vorstellen – etwas, das jede Kultur auf unterschiedliche Weise versucht hat.
„Tod“ und „Gott“ – diese zwei universellen Themen, über die wir uns vielleicht Vorstellungen machen, aber niemals Gewissheit erlangen können, sind es, die dieses Stück so erfolgreich machen. Wenn es einfach nur fromm und missionarisch ausgerichtet wäre, hätte es nicht überlebt – nicht einmal auf dem prachtvollen Domplatz. Seine lange Lebensdauer erwächst nicht nur aus seiner Bejahung Gottes, sondern auch aus der Tatsache, dass es fundamentale Themen zur Sprache bringt, über die wir im Grunde nichts wissen und auch niemals etwas wissen können – jene Mysterien, nach denen die gesamte Tradition des mittelalterlichen Theaters benannt wurde.
Und damit kommen wir zu unserer zweiten Inspirationsquelle: Max Reinhardt, Hugo von Hofmannsthal und die Gründung des Festivals. Der Versuch, die gesamte Stadt in eine Bühne zu verwandeln, eine mittelalterliche Theaterform vor der Domfassade ausdrücklich zu benützen, um in die Vormoderne zu fliehen und den traumatischen Erfahrungen des Ersten Weltkriegs ein künstlerisches „Friedenswerk“ entgegenzusetzen, musste damals zugleich anachronistisch und naiv-prachtvoll  angemutet haben. Aus der gegenwärtigen Perspektive erscheint der Jedermann  voll und ganz etabliert; aber 1920 war er alles andere als eine sichere oder gar naheliegende Wahl. Dennoch war er von großartigem Erfolg gekrönt. Viele Künstler träumen davon, die allgemeine Vorstellungskraft in ihren Bann zu schlagen und die Realität durch die Kraft der Kunst neu zu gestalten. Reinhardt, Hofmannsthal und ihren Mitstreitern ist das tatsächlich gelungen. Sie sind für uns eine ganz wunderbar inspirierende Gruppe von „Kollegen“ und „Mitverschworenen“. Jedermann ist ein Stück über den Tod und jene, die es ursprünglich für diesen Ort geschaffen haben, sind alle selbst nicht mehr am Leben. Das erlegt uns eine große Verantwortung auf, ihrem ursprünglichen Gestus gerecht zu werden. Aber diesem originalen Gestus zu entsprechen bedeutet nicht, dass wir uns von der Verantwortung vor der Vergangenheit überwältigen lassen sollten.
Wir haben uns in der Vorbereitungszeit sehr intensiv mit Reinhardts und Hofmannsthals Werk befasst. Wir haben die Bühne, die Kostüme und die Musik der Salzburger Produktion studiert – soweit sie überliefert sind – und wir beziehen uns auf sie, wo immer wir das für angemessen erachten. Im Gegensatz zu den letzten Jahren ist unsere Bühne – wie bei Reinhardt aus Holz gezimmert – freistehend konzipiert, abgesetzt von der Domfassade und auf zwei Ebenen aufgebaut. Die Musik, die wir verwenden, wird unter anderem Variationen der Originalmusik aus Reinhardts Produktion enthalten, dazu kommen Volkslieder und Musik aus dem Zeitraum der Salzburger Uraufführung – den Zwanziger Jahren.
In erster Linie interessieren uns Geschichten. Geschichten sind unser Gott. Die Geschichte des Jedermann beschreibt Wandlung auf profundester Ebene. Mit dem Wort Verwandlung trifft Hugo von Hofmannsthal selbst wohl am direktesten den Kern des eigenen Werkes: „Verwandlung - Transformation, der Moment, wo Nostalgie und Notwendigkeit aufeinanderprallen, wo Vergangenheit ihr Innerstes nach außen kehrt und zu einer Zukunft wird, die dem gleicht, an dessen Stelle sie tritt, und sich zugleich davon distanziert; wenn wir vergessen, um zu verändern und ändern, um uns erinnern zu können.“ (Aus: Introduction, in: Hugo von Hofmannsthal: The Whole Difference, edited by J. D. McClatchy, Princeton University Press, 2008)
Wir werden mit einer Prozession vom Festspielhaus zum Domplatz feierlich beginnen und mit der Natur, den Elementen, der Stadt, miteinander – aber vor allem auch mit dem Publikum  zusammenarbeiten, um die Geschichte des Jedermann, seine Lebensreise und Verwandlung zu erzählen.
Es ist uns sehr wichtig, den Marktplatz-Charakter des Stücks nicht zu vergessen und uns davon inspirieren zu lassen. Jedermanns Leben muss reich sein, freudvoll, überströmend – auch für das Publikum. Auf dem Weg zu seiner Bekehrung begegnet ihm eine Reihe von sehr kraftvollen theatralischen Figuren. Wir wollen – einer mittelalterlichen Schauspieltruppe gleich – unsere Zuseher mit Hilfe von Spektakel und Humor in den Bann ziehen, sie mitreißen und sie einladen, Jedermanns Weg mitzugehen und ihn auch als den eigenen zu begreifen – zumindest für die Spieldauer von zwei Stunden. Um das zu bewerkstelligen, muss sich das Theater sämtlicher Mittel bedienen, die ihm zur Verfügung stehen und die der Spielort und der Charakter des Stücks erlauben.
Nach langer und intensiver Vorbereitungszeit geht es ab jetzt um die tatsächliche Arbeit. Ein wunderbares Ensemble ist hier zusammengekommen, das uns jeden Tag aufs Neue überrascht und uns zu neuen Einsichten verhilft. Wir freuen uns darauf, dem Inhalt und der Gestalt dieses Stücks an dem von Reinhardt auserwählten Schauplatz gerecht zu werden. In knapp zwei Monaten werden wir etwas beisammen haben, was wir Ihnen und dem Publikum zeigen können. Bis dahin möchten wir uns sehr für Ihr Interesse bedanken.

Brian Mertes und Julian Crouch

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