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SALZBURGER FESTSPIELE BLOG

Sven-Eric Bechtolf: Zur Neuinszenierung des „JEDERMANN“ 2013

5 JUN 2013

by FESTSPIELKIEBITZ  16:43 h;
veröffentlicht in: Schauspiel

Jedermann 2013: Brigitte Hobmeier, Cornelius Obonya (Foto: Luigi Caputo)
Zum einen war Reinhardts Inszenierung das Vorbild für seine Nachfolger, die es pietätvoll restaurierten  – wie z.B. Heinz Hilpert, vor allem aber Reinhardts Witwe Helene Thimig – und zu einem Museumsstück erstarren ließen. Es war für die kommenden Regisseure nicht leicht, diesen Restaurationsgestus aufzugeben und den „Jedermann“,  nach den erlittenen oder begangenen Barbareien  des Weltkriegs und des Holocausts, wie vielfach gefordert zeitgemäßer zu gestalten.
Gottfried von Einem wollte Bertolt Brecht beauftragen, einen neuen „Jedermann“ zu schreiben, und musste nach dem Skandal um Brechts Einbürgerung in Österreich das Direktorium verlassen. Peter Stein hat versucht Peter Handke und Botho Strauß zu überreden, beide Vorhaben realisierten sich nicht.
Zum anderen wurde der „Jedermann“ unabhängig vom Zuspruch des Publikums für nachfolgende Generationen von großen Regisseuren und Schauspielern inhaltlich, sprachlich und ästhetisch immer mehr zu einem antiquierten Sonder- und Ausnahmefall. Die Gründe für die Scheu, einen neuen Jedermann zu produzieren, liegen aber auch sonst auf der Hand: 1. Warum ein Risiko eingehen, wenn der jetzige eh ausverkauft ist? 2. Welcher Regisseur kann das bzw. will das überhaupt? 3. Wie teuer wird das? Und 4. Ist das Stück noch zeitgemäß, sollte man es nicht lieber überhaupt lassen? Tatsächlich wäre es 1. viel bequemer alles so zu lassen wie es war, 2. gibt es wirklich wenige  Regisseure die es gleichzeitig können und wollen. 3. kostet es viel Geld, das dem jeweiligen Schauspieldirektor zur Realisierung anderer, viel  dankbarerer, Projekte fehlt. Aber 4.: Der  „Jedermann“ war schon 1911 im Circus Schumann nicht zeitgemäß – im Unzeitgemäßen liegt sein Reiz. Nicht in der anti-modernen, restaurativ- katholischen und völkischen Gesinnung Hofmannsthals, sondern in der Einfachheit seiner Vorlage.
Das Stück überlebt paradoxerweise durch seine gültigen, überkonfessionellen Fragen, bzw. Themen, die zu jeder Zeit nicht zeitgemäß waren. Das Unzeitgemäße, das nicht dem Zeitgeist entsprechende, ist zu allen Zeiten doch eine Provokation. Nicht die Provokation eines Reaktionärs an die Adresse einer aufgeklärten Gesellschaft, sondern die Provokation der Erinnerung an einen immer noch unbewältigten Sachverhalt: Unseren Tod und unsere Gottesvorstellung.
Der „Jedermann“ stand am Beginn der Salzburger Festspiele. Max Reinhardt und Hofmannsthal haben ihn uns hinterlassen. Wir müssen uns mit dieser Hinterlassenschaft beschäftigen und uns zu ihr ins Verhältnis setzen, die Gültigkeit und Tauglichkeit des Stoffs, an die ich persönlich glaube, immer neu überprüfen und zu beweisen versuchen.
Brian Mertes und Julian Crouch, die großartige Besetzung aller Rollen und die hervorragenden Mitarbeiter im künstlerischen und technischen Bereich machen uns dabei berechtigte Hoffnung auf einen neuen und aufregenden „Jedermann“.

Vielen Dank, Ihr Sven-Eric Bechtolf

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