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SALZBURGER FESTSPIELE BLOG

Siegeszug eines Jahrhundertwerks • Die Soldaten von Bernd Alois Zimmermann

14 JUL 2012

by FESTSPIELKIEBITZ  13:00 h;
veröffentlicht in: Oper

Zeichnung von Alvis Hermanis
Die Vorlage für Zimmermanns Soldaten ist das gleichnamige, 1776 anonym erschienene Schauspiel des Sturm-und-Drang-Dichters Jakob Michael Reinhold Lenz. Schauplätze sind Garnisonsstädte im französischen Flandern zu einer Zeit, die Zimmermann mit „gestern, heute, morgen“ bezeichnet. Anders als der im Armeleute-Milieu angesiedelte Wozzeck spielen Die Soldaten im Spannungsfeld zwischen der nach Geld und sozialem Aufstieg strebenden Welt des Bürgertums und jener des sittlich verrohten Militärs und der Offizierskasinos. Die Kaufmannstochter Marie Wesener, die dem ehrbaren Tuchhändler Stolzius zugeneigt ist, entscheidet sich unter dem Einfluss ihres ehrgeizigen Vaters für den adligen Offizier Desportes, der in der städtischen Garnison Dienst tut und ihr den Hof macht. Doch anstelle einer Einheirat in die Adelskreise wartet auf Marie der gesellschaftliche Abstieg. Desportes lässt sie sitzen. Sie wird weitergereicht, gedemütigt und vergewaltigt. Stolzius sinnt auf Rache, tötet Desportes mit Rattengift und bringt sich selbst um. Marie endet als Soldatenhure. Das letzte Bild zeigt sie als Bettlerin, die auf der Straße unerkannt ihren eigenen Vater um ein Almosen anbettelt.

Lenz und Zimmermann: Verwandte Geister

Der Stoff muss Zimmermann im Innersten gepackt haben. Ihn interessierte daran besonders, wie „durch die schicksalshafte Konstellation der Charaktere und Umstände, so wie sie sind, Menschen, wie wir sie zu allen Zeiten und jeden Tag treffen können, unschuldig im Grunde, vernichtet werden“. Er wusste, wovon er sprach. Als junger Soldat mit Jahrgang 1918 hatte er in den Schützengräben in Polen und Russland die psychische Zerstörungskraft des Kriegs selbst erlebt und ein lebenslanges Trauma davongetragen, das vermutlich auch der Auslöser für seinen Freitod im Jahr 1970 war.

Die Entstehung des Werks zog sich über quälende acht Jahre dahin, was innere und äußere Gründe hatte. Mit dem Stoff beschäftigte sich Zimmermann erstmals 1957, als ihm die Kölner Oper einen Kompositionsauftrag für ein Bühnenwerk in Aussicht stellte; die Uraufführung sollte 1960 stattfinden. Die 35 teils fragmentartigen Szenen der Vorlage reduzierte er auf 15; mehrere fasste er zu Simultanverläufen zusammen, die dann zu den vieldiskutierten Besonderheiten des Werks zählen. Außerdem montierte er drei Gedichte von Lenz als „Arientexte“ und ein weiteres als Vorlage für ein Terzett in das Libretto. Diese Eingriffe gelangen umso besser, als Lenz die aristotelische Einheit von Ort, Zeit und Handlung in seinem Theaterstück grundsätzlich verneinte: „Was heißen die drei Einheiten? Hundert Einheiten will ich euch angeben, die alle immer doch die eine bleiben. Einheit der Nation, Einheit der Sprache, Einheit der Religion, Einheit der Sitten – ja, was wird’s denn nun? Immer dasselbe, immer und ewig dasselbe. Der Dichter und das Publikum müssen die eine Einheit fühlen, aber nicht klassifizieren.“

Eine langwierige Entstehungsgeschichte

Bereits 1958 hat Zimmermann die erste Szene komponiert. Er schickt sie an seinen Freund, den Dirigenten Günter Wand, zur Begutachtung, doch der hält sie für unaufführbar. Die Kölner Oper und der vorgesehene Uraufführungsdirigent Wolfgang Sawallisch glauben das auch, der Verlag stoppt den Herstellungsprozess. Zimmermann legt die angefangene Partitur vorübergehend beiseite und widmet sich anderen Werken. Er beschäftigt sich mit den radikalen Vokalexperimenten der Kölner Avantgarde und ist dabei, als Nam June Paik 1960 im Kölner Atelier von Mary Bauermeister die Hommage an John Cage für Klavier und Tonbänder aufführt. Diese Erfahrungen sollten in die endgültige Gestalt der Soldaten einfließen; und die Einbeziehung von Tonband und Film sowie die Öffnung der Guckkastenbühne zum Zuschauerraum resultierten konsequenterweise daraus.

1963 bietet der Westdeutsche Rundfunk Zimmermann die Möglichkeit an, die in der Schublade liegenden Teile der Oper konzertant als „Vokalsinfonie“ uraufzuführen. Damit sind die Zweifel an der Aufführbarkeit beseitigt, die Kölner Oper steigt wieder ein, und Zimmermann setzt seine Arbeit fort. Am 15. Februar 1965 findet die vielbeachtete Premiere statt. Dirigent ist Michael Gielen, der die Entstehung des Werks in der letzten Phase aktiv begleitet hat.

Die erfolgreiche Realisierung der äußerst komplexen Partitur zeigt auf einen Schlag, welches Potenzial im zeitgenössischen Musiktheater schlummert, und legt den Grundstein zu einer erstaunlichen Wirkungsgeschichte: Innerhalb von elf Jahren wird das Werk in Kassel, Nürnberg, München und Hamburg nachgespielt, im Ausland folgen Bühnen von Warschau über Florenz bis Edinburgh. Heute bilden die Soldaten einen Eckpfeiler im Repertoire des modernen Musiktheaters.

Die Soldaten sind nicht nur ein Höhepunkt im gesamten Opernprogramm der diesjährigen Festspiele, sondern bilden auch den unbestrittenen Schwerpunkt einer Zimmermann-Retrospektive im Rahmen von „Salzburg contemporary“. Mit insgesamt neun konzertanten Werken kommt ein Querschnitt durch sein Gesamtwerk zu Gehör, wobei – für viele vielleicht etwas überraschend – neben dem „ernsten“ und „schwierigen“ Zimmermann auch der Komponist glänzend gemachter Gebrauchsmusik, der Freund heiterer Einfälle, zum Zuge kommt.

Max Nyffeler

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