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SALZBURGER FESTSPIELE BLOG

Mojo – Eine Theaterproduktion voller Energie für Kinder und Erwachsene

18 JUN 2012

by FESTSPIELKIEBITZ  10:39 h;
veröffentlicht in: Schauspiel

Mojo (Foto: Patrick Baldwin)
Mojo ist ein Theaterstück für Kinder wie Erwachsene. Ein jeder kann sich von der Musik, den Schauspielern, Tänzern, Puppen und Effekten verzaubern lassen. Sue Buckmaster hat dieses Stück entwickelt und besonderen Wert darauf gelegt, dass es ein Erlebnis für Jung und Alt wird. Schauspielchef Sven-Eric Bechtolf sprach mit der Regisseurin über die Entstehung von Theatre-Rites, die Arbeit zwischen Menschen und Puppen und natürlich die Produktion Mojo.

Werfen Sie hier einen Blick auf dieses ungewöhnliche, energiereiche Produktion Mojo, über die “The Guardian” nach der Premiere in London begeistert urteilte: “This is a joyous show about finding yourself and the things that you love, retaining the wonder of life as you move from childhood into the adult world, remembering what it felt like to be a child. An exhilarating family show and a mischievous life lesson for all ages.”


Sven-Eric Bechtolf: Was ist die Geschichte hinter Theatre-Rites?

Sue Buckmaster: Theatre-Rites wurde 1995 gegründet, wir sind also bereits 15 Jahre alt. Ich habe die Gruppe gemeinsam mit Penny Bernand ins Leben gerufen. Es war zu der Zeit, in der ortsspezifische Arbeit sehr interessant war. Deborah Warner machte ihr Tower Project für LIFT und dann gab es auch noch das Robert Wilson Stück Unterground über H.G.Wells. Es waren lauter unvergleichliche Stücke im Umlauf, die die Aufmerksamkeit der Leute auf sich zogen. Aber sie waren alle für Erwachsene. Penny und ich sagten: Wäre es nicht großartig, wenn Kinder das erleben könnten? 15 Jahre später bin ich immer noch der gleichen Meinung. Theater, in das Kinder richtig eintauchen können, ist immer noch sehr unterentwickelt. Ich bin sehr glücklich, dass die Ruhrtriennale und ich Salt und Paradise schaffen konnten.

Wir gründeten das Unternehmen, um ortspezifische Arbeit, interaktive Erfahrungen oder ein visuelles Theater zu schaffen, das weder auf eine bestehende Geschichte angewiesen noch erzählungsgebunden war. Der Grund, warum das Ensemble „Theatre Rites“ heißt, war die Erkenntnis dass die Erfahrung, in ein Theater zu gehen, ein Mythos ist. Diese ganze individuelle Reise – wie du dort ankommst und wie du es verlässt und was du dort zurücklässt – ist genauso wichtig und bedeutend wie das Produkt. Man soll es als ganze Erfahrung sehen. Wir haben jedes Jahr zwei schöne Aufführungen geschaffen, die entweder ortsspezifisch oder Theaterstücke waren. Für mich hat diese Entwicklung immer mit meinen Töchtern zu tun. Die erste Produktion wurde aufgeführt, als meine Tochter geboren wurde.

SEB: Glauben Sie, dass Ihr Theater nur für Kinder ist?

SueB: Es ist Theater.

SEB: Ja, das Gefühl hatte ich bei beiden Vorstellungen, Mischief und Paradise. Mein Gefühl sagte mir, es sei nicht nur für Kinder. Natürlich ist es für Kinder und sie sind sehr amüsiert und vertieft und erleben das Stück, aber ich konnte beobachten, dass das auch mit Erwachsenen passierte. Es ist eine sehr reine Form des Theaters.

SueB: Es ist universell. Und es schließt einfach Kinder nicht aus. Das ist alles.

SEB: Und es schließt keine Erwachsenen aus, was auch gut ist.

SueB: Absolut nicht. Es ist Theater für jedermann.

SEB: Wie war die erste Probe für die neue Vorstellung?

SueB: Mojo? Wir haben jetzt sechs Wochen mit Recherche und Entwicklung verbracht, wie wir es nennen. Wir würden dazu nicht Probe sagen. Die Proben beginnen im Oktober und dauern sechs Wochen. Hier werden wir alle Ideen durcharbeiten, die wir über zwei Jahre lang gesammelt haben. Die Recherche und Entwicklungsarbeiten hatten verschiedenene Schwerpunkte. Die letzte Phase fand in einem dunklen Raum mit einem Zauberer statt, der versuchte, das menschliche Auge zu täuschen und mit Objekten Illusionen zu schaffen. Ich kann nicht mehr dazu sagen. Meine Lippen sind verschlossen. (…)

SEB: Wie entwickeln Sie solche Sachen? Ich meine, haben Sie eine Idee, bevor Sie anfangen? Wie beginnen Sie?

SueB: Adriano war früh an diesem Prozess beteiligt, denn er hatte die Idee von Evolution, wie sich Dinge entwickeln. Aber ich war nicht interessiert daran, eine Vorstellung zu machen, in der es um die Entwicklung in der Natur geht und ums Ökologische. Ich wollte  die Idee der Evolution auf die Entwicklung des Kindes anwenden, darauf,  wie sich ein Kind entfaltet. In einem entwicklungsmäßigen Prozess, ähnlich dem Prozess, bei dem ein Tier möglicherweise mehr Füße hat oder kleine Augen bekommt oder einen Teil von sich verliert und sagt: Ich brauche das nicht mehr. Ich möchte mir ansehen, wie sich ein Kind entwickelt. Wie kommt ein Kind darauf zu sagen: Es ist wichtig, dass meine Haare rot sind, um die nächste Zeit zu überleben. Das ist die Phase, in der ich mich gerade mit meiner Tochter befinde. Sie muss ihre Haare rot färben. Jeder macht das. Oder der Rock muss kürzer sein, denn jeder trägt ihn so. Oder man will manche Sachen einfach los werden. Es ist als würde man sagen, ich mag kein Rosa mehr, Rosa kommt für mich nicht in Frage, oder ich schaue kein „Glee“ mehr.

SEB: Wie entstand Ihre enge Verbindung zu Puppen?

SueB: Das ist meine Familiengeschichte. Ich bin die vierte Generation einer Familie von Darstellern, von Theaterleuten. Mein Vater wurde Puppenmacher. Seit er zwölf Jahre alt war, machte er Theater mit Puppen am Pier. Meine Mutter trat in den Vorstellungen ihrer Eltern auf. Die beiden lernten sich am Ende einer Show am Pier kennen und wurden „The Buckmaster Puppets“. Das war die Show meiner Eltern: eine Kabarettvorstellung mit Marionetten.

SEB: Es gibt eine interessante Beziehung zwischen dem Puppenspieler und der Puppe selbst. Wer beeinflusst wen mehr? Ich glaube, dass einiges von dem Charakter der Marionette in den Puppenspieler übergeht. Stimmt das?

SueB: Alle Darsteller nehmen verschiedene Objekte auf, beleben sie und drücken ihre Gefühle dadurch aus. Absolut. Das Mädchen ist ein zentraler Charakter. Aber es gibt auch einen Vogel, welcher noch flüchtiger ist. Es ist etwas, das eine Form erforderte und etwas zum Ausdruck bringen will. Es ist wichtig für mich, dass es auch auf der Bühne zerbrechen kann. Wenn du einem Wesen Leben einhauchst, dann hast du die Möglichkeit, es ihm auch wieder zu nehmen. Und ich glaube, ich möchte manche dieser Objekte nur kurzzeitig leben sehen. Und – ich denke nun laut vor mich hin – wir könnten das mit dem Kind tun. Wir haben die Möglichkeit, das Kind zu brechen. Ein Kind ist so zerbrechlich in unserer Gesellschaft, dass wir es hegen sollten. Wenn es eine Puppe ist, kann man sie grob behandeln, sie kann kaputt gehen, sie kann zurück in eine Puppe verwandelt werden und wir können sie genau das machen lassen, was wir wollen, um unsere Gesellschaft zu dem zu machen, was wir wollen. Die Marionette ist das Symbol für Manipulation und Macht.

SEB: Marionetten sind die einfachste Art, Illusion und Ernüchterung zu schaffen. Sogar Erwachsene können eine Handpuppe nehmen und anfangen, mit ihr zu sprechen. Und auch jene Erwachsene glauben für einen kleinen Moment, in einer natürlichen Weise, dass da gerade ein Dialog stattfindet, obwohl sie wissen, dass es nicht der Wahrheit entspricht.

SueB: Es ist ein großartiges Training für Schauspieler und es ist eine sehr gute Möglichkeit zur Verkörperung von Gefühlen auf der Bühne, ohne sich auf seine Sprache zu verlassen, das ist wunderbar. Ich selbst bin nicht sehr begeistert davon, Puppen sprechen zu lassen. Ich tendiere nicht dazu, das von ihnen zu verlangen. Für mich sagen sie sehr viel aus durch das, was sie tun und wie sie sind, wie sie werden und wie sie verschwinden. Das ist viel stärker für mich, als irgendetwas, über das sie reden.*

Die Premiere von Mojo findet am 09. August 2012, um 18:00 Uhr auf der Perner-Insel, Hallein statt. Sichern Sie sich jetzt Ihre Plätze und lassen Sie sich überraschen!

Weitere Termine: 11. August 2012, 14:00 und 18:00 Uhr / 12. August 2012, 11:00 und 15:00 Uhr

*Das vollständige Interview können Sie hier in englischer Sprache nachlesen.

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