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SALZBURGER FESTSPIELE BLOG

Cléopâtre – Jules Massenets letzte Opernpartitur

4 MAI 2012

by FESTSPIELKIEBITZ  16:24 h;
veröffentlicht in: Pfingsten

Jules Massenet, Foto: Gaspard-Félix Tournachon
Nach dem überwältigenden Erfolg seiner Oper Thaïs (Paris, Opéra 1894), begann allmählich die Epoche von Massenets Spätwerk. So experimentierte der Komponist in den folgenden Jahren mit Märchenstoffen (Cendrillon, Grisélidis), mit Stoffen aus der antiken Mythologie (Ariane, Bacchus) sowie mit Anleihen bei der Dramaturgie des italienischen Verismo (La Navarraise, Thérèse).

Während sich die Pariser Opéra seit der Jahrhundertwende in einer institutionellen Krise befand, die viele Opernkomponisten der jüngeren Generation dazu veranlasste, ihre Uraufführungen an das Théâtre de la Monnaie in Brüssel zu vergeben, begann 1902 Massenets Zusammenarbeit mit dem Fürstentum Monaco, dessen Opernhaus unter der langen Intendanz (1893–1951!) des Komponisten und Impresario Raoul Gunsbourg allmählich zu einem Zentrum der europäischen Opernkultur ausgebaut wurde. Eine enge persönliche Beziehung verband Massenet mit dem regierenden Fürsten von Monaco, Fürst Albert I., die nicht zuletzt darin ihren Ausdruck fand, dass zwei der drei postum uraufgeführten Opern Massenets, Cléopâtre (Monte Carlo 1914) und Amadis (Monte Carlo 1922), ihre Uraufführung an der Côte d’Azur erfuhren. Noch während der Komposition der Oper Roma (Monte Carlo, 24. April 1912) auf ein Libretto von Henri Cain, deren Proben in Monte Carlo im Frühjahr 1912 sich mit der Arbeit an der Partitur von Cléopâtre überschnitten, scheint Massenet Henri Cain um ein zweites Libretto mit antikem Sujet gebeten zu haben, das dann von Louis Payen verfasst wurde.

Massenets letzte Opernpartitur
Die Entstehungszeit von Cléopâtre, die nach den bisher zugänglichen Quellen auf Herbst 1911 bis Frühsommer 1912 eingegrenzt werden kann, war überschattet durch Massenets schwere Krebserkrankung, die am 13. August 1912 zum Tode des Komponisten führen sollte.

Die während der letzten Lebensjahre intensive Beziehung des Komponisten zu der Mezzosopranistin Lucy Arbell (Georgette Wallace, 1882–1947), die bereits in den Uraufführungen von Ariane, Thérèse, Bacchus, Don Quichotte und Roma Hauptrollen übernommen hatte, führte dazu, dass die Rolle der Cléopâtre ihrer Stimme gleichsam auf den Leib geschrieben wurde. Massenet, wahrscheinlich derjenige Komponist des 19. Jahrhunderts, der am besten für die weibliche Stimme zu schreiben wusste, hatte im Laufe seiner langen Karriere mehrfach eine Hauptrolle auf die charakteristischen Eigenschaften einer bestimmten Sängerin zugeschnitten.

Die Wahl einer tiefen Frauenstimme für die Rolle der Protagonistin, eine in der traditionellen Rollenhierarchie der Oper des 19. Jahrhunderts unkonventionelle Entscheidung Massenets, befähigte den Komponisten, die inneren Koordinaten der Handlung bereits in der Konstellation der Solopartie abzubilden. Die Stimmen von Mezzosopran und Bariton, Cléopâtre und Marc Antoine, verschmelzen optimal in den häufigen Liebesduetten der beiden Protagonisten.

Während sich Massenet bei der Gestaltung des römischen Lokalkolorits weise Zurückhaltung auferlegte und besonders die politischen Aspekte des römischen Imperiums eher summarisch mit Musik bedachte, entzündete sich seine Phantasie an den Schauplätzen ägyptischer Dekadenz, besonders wenn diese gekoppelt waren mit einer für die psychologische Charakteristik von Cléopâtre offenbar konstitutiven Grausamkeit. Während bereits zu Beginn des Aktes die Leichen von zwei Sklaven das Bühnenbild bereichern, folgt mit der Tötung des Spakos von der Hand Cléopâtres, mit dem Selbstmord Marc Antoines und mit dem auf der Bühne dargestellten Verlöschen der Cléopâtre unter der Wirkung des Schlangengiftes eine wahre Gewaltorgie, deren musikalische Ausgestaltung zu den beeindruckendsten Momenten der Partitur zählt. Ganz im Gegensatz zu der vielhundertjährigen Tradition der Kleopatra-Darstellung stellte Massenets Oper die Sterbeszene in den Vordergrund seiner Operndramaturgie – gleichsam als nähme nicht nur Cléopâtre Abschied von der Welt, sondern als feiere auch die traditionelle Handlungsdarstellung in der Großen Oper eine würdige Abschiedsszene.
(Auszug aus dem Programmhefttext von Jürgen Maehder)

Restkarten für die konzertante Aufführung von Cléopâtre am 27. Mai 2012 erhalten Sie unter diesem Link

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