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PROGRAMMDETAIL

Friedrich Schiller • Die Jungfrau von Orleans

Eine romantische Tragödie
von Friedrich Schiller (1759–1805)
Eine romantische Tragödie

Neuinszenierung
Koproduktion mit dem Deutschen Theater Berlin

PREMIERE

  • 28. Juli 2013, 19:30 Uhr

AUFFÜHRUNGEN

  • 29. Juli 2013, 19:30 Uhr
  • 30. Juli 2013, 19:30 Uhr
  • 01. August 2013, 19:30 Uhr
  • 02. August 2013, 19:30 Uhr
  • 04. August 2013, 19:30 Uhr
  • 05. August 2013, 19:30 Uhr
  • 07. August 2013, 19:30 Uhr

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LEADING TEAM

Michael Thalheimer, Regie
Olaf Altmann, Bühne
Nehle Balkhausen, Kostüme
Bert Wrede, Musik
Sonja Anders, Dramaturgie
Robert Grauel, Licht

BESETZUNG

Michael Gerber, Thibaut d'Arc, reicher Landmann
Kathleen Morgeneyer, Johanna, seine Tochter
Christoph Franken, Karl der Siebente, König von Frankreich
Meike Droste, Agnes Sorel, seine Geliebte
Andreas Döhler, Graf Dunois, Bastard von Orleans
Henning Vogt, Du Chatel, königlicher Offizier
Jürgen Huth, La Hire, königlicher Offizier
Almut Zilcher, Königin Isabeau, Karls Mutter
Peter Moltzen, Philipp der Gute, Herzog von Burgund
Markus Graf, Talbot, Feldherr der Engländer
Alexander Khuon, Lionel, englischer Anführer
Alexander Khuon, Montgomery

ZUR PRODUKTION

Eine junge unschuldige Bauerntochter hört göttliche Stimmen und wirft sich aufs Schlachtfeld für ihren König. Hoch zu Ross, in schimmernder Rüstung, mit Helm und Schwert und wider alle Voraussagen siegt die Jungfrau von Orleans und wird zur Volksheldin, verehrt und umschwärmt. Nur wenig darauf, nach einem kurzen Blick in das Gesicht eines fremden Soldaten, zerbricht ihr Glaube an sich selbst und ihr Abstieg beginnt: Es ist der Zwiespalt zwischen göttlichem Auftrag und menschlicher Liebe, zwischen Größe und Glück, an dem sie scheitert. In einer ordnungslosen Welt, in der alle Hoffnung verloren scheint, in der sich rettet wer kann, braucht es Lichtgestalten, nicht Zweifler – und Johanna, ihres Ideals beraubt, kann ihre Helden-Rolle nicht mehr spielen. Ihre letzte heroische Tat ist die einer Verzweifelten, einer Außenseiterin, die bis zuletzt ihrer Obsession folgt …

„Kein Gott erscheint, kein Engel zeigt sich mehr;
Die Wunder ruhn, der Himmel ist verschlossen.“

Im Jahr 1430, gegen Ende des Hundertjährigen Krieges, scheint Frankreichs Lage aussichtslos: Die Engländer sind auf dem Vormarsch und der Dauphin von Frankreich, Karl VII., ist von seinen Vertrauten verlassen und kurz davor abzudanken. Als die Notlage Frankreichs und die Belagerung von Orleans bekannt werden, verkündet Johanna, die 17-jährige Tochter eines lothringischen Landmanns, die Rettung des Vaterlandes durch eine reine Jungfrau – sie selbst sei dazu von göttlichen Stimmen und Erscheinungen berufen. Kurz darauf erreicht den königlichen Hof die Nachricht, dass eine behelmte Jungfrau, „wie eine Kriegesgöttin, schön zugleich und schrecklich anzuschauen“, eine verloren geglaubte Schlacht zum Sieg führte und die Engländer 2000 Männer verloren hätten, die Franzosen aber keinen einzigen. Johanna erscheint am Hofe Karls und berichtet von ihrer Berufung: Die heilige Mutter Gottes ist ihr erschienen und hat sie zum Kampf aufgerufen, und wenn sie der irdischen Liebe widersteht, wird sie „jedwedes Herrliche auf Erden“ vollbringen. Johanna wird an die Spitze des französischen Heeres gestellt und siegt abermals. Als sie auf dem Schlachtfeld aber auf Lionel, einen englischen Heerführer, trifft, verschont sie den Besiegten. Sie ist nicht fähig, ihn zu töten. Die beiden feindlichen Krieger verlieben sich auf den ersten Blick ineinander und Johanna ist davon überzeugt, dass sie mit diesem Gefühl bereits ihr Gelübde gebrochen hat. Es ist die Unerbittlichkeit, die sie sich selbst verordnet, der sie nicht entsprechen kann; es ist ihr eigenes Ideal, das sie zu Fall bringt. So kann sie ihrem Vater nicht antworten, als er sie bei der Siegesfeier teuflischer Künste anklagt. Sie wird verbannt und gerät in die Gefangenschaft der Königin Isabeau, der Mutter König Karls, die mit dem Feind konspiriert. Dort begegnet Johanna ihrem geliebten Lionel wieder.

Die Jungfrau von Orleans, von Friedrich Schiller als „Romantische Tragödie“ bezeichnet, wurde 1801 in Leipzig uraufgeführt und war zu Lebzeiten Schillers eines seiner am häufigsten gespielten Stücke. Schiller nimmt den Stoff um die französische Heilige Jeanne d’Arc auf, weicht aber von der Historie in zwei entscheidenden Punkten ab: Die historische Johanna hat im Kampf, so die historischen Quellen, nicht selbst getötet – bei Schiller ist sie eine tödliche Kriegerin –, und sie wurde im Mai 1430 von den Engländern gefangen, vor einem geistlichen Gericht als Hexe verklagt und in Rouen auf dem Scheiterhaufen verbrannt – bei Schiller stirbt sie heroisch in einer letzten Schlacht. Überhaupt hat Schiller, der es vorzog, Gattungsbegriffe beweglich zu halten, in seiner „romantischen“ Tragödie mehr als in seinen bisherigen Dramen dem Wunderbaren, Theatralischen, Opernhaften Raum gegeben, hat einen üppigen, farbenprächtigen Bilderbogen geschaffen, in dessen Zentrum ein zartes unschuldiges Mädchen seinen Aufstieg und Fall erlebt. Er irritiert seine Zeitgenossen mit diesem formal verwirrenden Meisterwerk voller politischer, philosophischer und religiöser Motive und Anspielungen: Kants kategorischer Imperativ, katholische Mystik und die brennende Frage nach dem Nationalstaat …

„Die einzige Ausbeute, die wir aus dem Kampfe des Lebens wegtragen, ist die Einsicht in das Nichts und herzliche Verachtung alles dessen, was uns erhaben schien und wünschenswert.“ So die nihilistische Weltsicht des Engländers Talbot auf dem Schlachtfeld vor Orleans. Die Welt, die Schiller in Die Jungfrau von Orleans darstellt, ist eine zerrüttete, ohne Ordnung und scheinbar ohne Zukunft. Auf der einen Seite steht ein König, der sich aus Schwäche seinem Auftrag, Ordnung zu schaffen, entzieht, auf der anderen Seite Johanna, die sich dem Auftrag stellt, aber bei der ersten menschlichen Regung verzagt. Beeinflusst von Kants Idee des kategorischen Imperativs, welcher lautet: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“, entwirft der Idealist Schiller ein Dilemma: Der fehlbare, wechselhafte und zerrissene Mensch mit all seinen Leidenschaften wird mit seiner eigenen Maxime konfrontiert – und muss an dem selbst gesetzten Dogma übermenschlicher Größe zerbrechen. Die reale Welt lässt sich nicht mit der reinen Idee verändern. Eines von beiden muss scheitern.

Sonja Anders 




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