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PROGRAMMDETAIL

Vincenzo Bellini • Norma

Tragedia lirica in zwei Akten von Vincenzo Bellini (1801–1835)
Aufführung der quellenkritischen Neuedition von Maurizio Biondi und Riccardo Minasi 
Libretto von Felice Romani (1788–1865) nach der Tragödie Norma ou L’Infanticide (1831) von Alexandre Soumet (1788–1845)

Mit deutschen und englischen Übertiteln Dauer der Oper ca. 2 Stunden und 45 Minuten.

PREMIERE

  • 17. August 2013, 20:00 Uhr

AUFFÜHRUNGEN

  • 20. August 2013, 19:30 Uhr
  • 24. August 2013, 19:30 Uhr
  • 27. August 2013, 19:30 Uhr
  • 30. August 2013, 19:30 Uhr

SPIELSTÄTTE

Haus für Mozart

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LEADING TEAM

Giovanni Antonini, Musikalische Leitung
Moshe Leiser, Patrice Caurier, Regie
Christian Fenouillat, Bühne
Agostino Cavalca, Kostüme
Christophe Forey, Licht
Konrad Kuhn, Dramaturgie
Diego Fasolis, Gianluca Capuano, Choreinstudierung

ZUR PRODUKTION

Ich glaube, dass Bellini der letzte Opernkomponist war, der sich wirklich dessen bewusst war, dass Singen nicht nur ein dramatisches Mittel ist, sondern eine magische Kraft.“ Dieser Satz des Musikwissenschaftlers David Kimbell beschreibt ein Spezifikum, das uns besonders an der Norma, dem unumstrittenen Meisterwerk Vincenzo Bellinis, immer wieder fasziniert. Wobei man nicht unterschlagen sollte, dass gerade diese Oper nicht nur berühmte „melodie lunghe lunghe lunghe“ (wie Verdi sie bewundernd nannte) enthält, sondern von ungeheurer dramatischer Wucht ist – also keineswegs nur Belcanto, „Schöngesang“, verströmt. Die Magie dieses Werks, das von einer besonderen Aura umgeben ist, kann sich auf höchst unterschiedliche Weise entfalten: Seit der Uraufführung 1831 an der Mailänder Scala hat sich die Aufführungstradition immer weiter von der ursprünglichen musikalischen Gestalt entfernt. Wenn Bellinis Norma nun bei den Salzburger Festspielen erstmals in einer szenischen Aufführung zu erleben ist, so in einer Form, die sich auf Basis einer quellenkritischen Neuedition des Notenmaterials so weit wie möglich dem originalen Klangbild anzunähern versucht.

Arthur Schopenhauer hat die „echt tragische Wirkung der Katastrophe“ bewundert, die im Finale der Norma „so rein motiviert und deutlich ausgesprochen“ hervortritt. Und Alfred Einstein urteilte: „Jemand, der aus einer Aufführung von Norma kommt und nicht bis zum Überfließen gefüllt ist mit den letzten Seiten dieses Aktes, weiß nicht, was Musik ist.“ Woher rührt die Erschütterung, die Bellinis Musik in uns auszulösen vermag? Vielleicht auch daher, dass der Komponist und sein Librettist Felice Romani ihre Titelheldin am Ende gerade nicht in den Wahnsinn abgleiten lassen, wie sie es in La Sonnambula so wirkungsvoll getan hatten, und wie wir es etwa auch bei Donizetti am Ende seiner Anna Bolena und später in Lucia di Lammermoor finden. Vielmehr entscheidet sich Norma im Finale der Oper ganz bewusst dafür, sich selbst vor ihrem Volk als Verräterin anzuklagen und damit den Flammentod in Kauf zu nehmen. Durch diesen Schritt gewinnt sie die Liebe und Achtung des Pollione, der sie zuvor für die jüngere Adalgisa verlassen wollte, zurück – und die Herzen der Zuschauer.
Die beiden Schöpfer der Norma – man hat das Verhältnis von Vincenzo Bellini und Felice Romani nicht zu Unrecht mit dem von Mozart zu Da Ponte oder Strauss zu Hofmannsthal verglichen – verarbeiten verschiedene literarische Vorlagen. In entscheidenden Punkten weichen sie jedoch von den benutzten Quellen ab. Anders als in Alexandre Soumets Drama Norma ou L’Infanticide, das dem Libretto vor allem zugrunde liegt, wird die Titelheldin in der Oper nicht zu einer zweiten Medea: Sie nimmt sich zwar vor, ihre beiden Kinder, die sie mit Pollione hat, aus Rache zu töten, nachdem dieser sich von ihr abgewandt hat; doch sie bringt es dann doch nicht übers Herz. So entsteht das lebensnahe, berührende Porträt einer liebenden Frau und Mutter, die durch alle Höhen und Tiefen der Empfindung geht, bis sie am Ende den übermenschlichen Schritt zum Selbstopfer tut.
Zu den berühmtesten Arien der Operngeschichte gehört Normas Gebet an die Mondgöttin, „Casta Diva“. Wie viele andere Passagen der Partitur kann auch diese Szene ihren Zauber nur entfalten, wenn man sie nicht als bloßen Anlass für virtuose Koloraturen missversteht. So suggestiv die weit ausschwingende Gesangslinie, das atmosphärisch dichte Zusammenspiel von Protagonistin, Orchester und Chor und der stilsichere Einsatz des Ziergesangs sich zu einem perfekten Ganzen fügen: Bellinis Kunst will nicht nur „schön“ sein, sie steht immer im Dienst eines Ausdrucks, der uns eine Bühnenfigur in einem nachvollziehbaren, oft extremen emotionalen Zustand nahebringt.
Cecilia Bartoli hat in einer konzertanter Norma-Aufführung bereits vor zwei Jahren einen Eindruck davon vermittelt, welch unerwartet neues, altes Gewand dem Stück zuwächst, wenn man es nicht vom Verismus herkommend (miss)deutet. Bei den Salzburger Pfingstfestspielen 2013 stellt sie sich erstmals auch szenisch der Herausforderung, diese immens schwierige Partie zum Leben zu erwecken. Am Pult steht, wie schon im Vorjahr bei Giulio Cesare in Egitto, Giovanni Antonini, mit dem Cecilia Bartoli bisher vor allem im Bereich der Barockmusik zusammengearbeitet hat. Dem Originalklang der Norma von 1831 spürt das Orchestra La Scintilla aus Zürich nach; mit diesem Ensemble verbindet Cecilia Bartoli eine langjährige Zusammenarbeit, die in letzter Zeit u. a. zu einer Neubewertung einiger Werke des Bellini-Zeitgenossen Gioachino Rossini beigetragen hat – etwa dem Comte Ory oder dem selten gespielten Otello. Hinzu tritt der Rundfunkchor der Radiotelevisione Svizzera.
Dem Regie-Duo Moshe Leiser und Patrice Caurier geht es nicht darum, das Konstrukt einer mythischen Kunstfigur zu bebildern. Norma ist die charismatische Anführerin einer Gruppe von Menschen, die sich im Widerstandskampf gegen eine übermächtige Besatzungsmacht befinden. Als sie sich einer Leidenschaft zu Pollione, der an der Spitze der Besatzer steht, hingab, ist sie zur Verräterin geworden. Indem sie sich am Ende zu ihrer Schuld bekennt und das eigene Leben opfert, bewahrt sie ihre Würde. Die Geschichte dieser außergewöhnlichen Frau soll jenseits eines phantastischen Galliens in eine konkrete Epoche versetzt werden, aus der heraus ihr tragischer Konflikt nachvollziehbar wird und unmittelbar unter die Haut geht.

Konrad Kuhn




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