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PROGRAMMDETAIL

Über die Grenze 3

Tanz & Quartett

AUFFÜHRUNGEN

  • 28. Juli 2012, 16:30 Uhr
  • 29. Juli 2012, 15:00 Uhr

SPIELSTÄTTE

Felsenreitschule

PROGRAMM

LEOŠ JANÁČEK • Streichquartett Nr. 2 – Intime Briefe
"Lettres intimes"

ANTONÍN DVOŘÁK • Streichquartett Nr. 12 F-Dur op. 96 – Amerikanisches Quartett
"In spillville"

FRANZ SCHUBERT • Streichquartett d-Moll D 810
"Der Tod und das Mädchen"

INFORMATION

Dauer voraussichtlich 2,5 Stunden.

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INTERPRETEN

Heinz Spoerli, Choreografie
Hagen Quartett
Zürcher Ballett

ZUR PRODUKTION

In vielen Ländern, am auffälligsten in Frankreich, war die Literatur das kulturelle Leitmedium. Die nationalpolitischen Emanzipationsbestrebungen der Tschechen im späteren 19. Jahrhundert verbanden sich dagegen stark mit einer sich zunehmend eigenständig profilierenden Musikkultur, insbesondere mit den Opern Bedřich Smetanas. Der 17 Jahre jüngere Antonín Dvořák (1841–1904), nicht weniger in der Volksmusik seiner böhmischen Heimat verwurzelt, sah sich dann freilich schon nicht mehr so sehr in der Rolle einer Gründerfigur; sein Œuvre bekam damit gleichsam einen wieder mehr universellen Zuschnitt. Dvořáks Beiträge fürs Musiktheater waren ähnlich zahlreich wie diejenigen Smetanas, allerdings thematisch weitaus buntscheckiger und aus internationalen Quellen schöpfend. Als Symphoniker folgte Dvořák mitteleuropäischen Traditionen – tschechischer Wein in deutschen Schläuchen.
Ähnliches mag für Dvořáks überaus reiches Kammermusikwerk (Smetana schuf auf diesem Gebiet nur Weniges, aber Bedeutend-Bekenntnishaftes) gelten, das besonders wohlwollend von Brahms observiert wurde, der auch die Verlagsverbindungen nach Deutschland knüpfte. Eine bevorzugte Domäne Dvořák’scher Musikalität wurde die Gattung Streichquartett, die er mit vielen beglückenden Beispielen bereicherte. Ebenso wie bei der Symphonie zeigten sich hier (ganz im Gegensatz zum heftig an Beethoven sich abarbeitenden Streichquartettkomponisten Brahms) eine von keinem „Vaterkomplex“ tangierte Formkraft und Klangphantasie. Obgleich Dvořák in seiner Kammermusik Experimente nicht verschmähte und die Grenzen zur „Programmmusik“ gelegentlich verwischte (ein Irrtum seiner Zeitgenossen war, ihn als „brahmsischen“ Antipoden des angeblich „neudeutschen“ Liszt-Jüngers Smetana stilisieren zu wollen), war sein Idiom bei aller Verschattetheit und untergründigen Melancholie doch immer wieder von Vitalität und „Spielfreude“ – Lust am Klang, am tänzerischen Rhythmus, an der aparten melodischen Wendung – beflügelt.
Auf dem Kammermusikterrain fühlte sich Dvořák kompositorisch sicherer als etwa in der Oper – das Gespräch unter Freunden entsprach ihm mehr als der Appell an eine Öffentlichkeit. In jungen Jahren selbst praktizierender Musiker – er spielte als Bratscher im Prager Interimstheater bei mehreren Smetana-Opernuraufführungen unter der Leitung des Komponisten mit – war Streichermusik für ihn ein intimes Medium persönlicher Mitteilung. Das setzte sich in der tschechischen Kammermusik der nachfolgenden Generationen fort – beim unverkennbar böhmisch grundierten weltläufigen Josef Suk, erst recht bei Bohuslav Martinů, der an Fruchtbarkeit und scheinbarer Produktions-Mühelosigkeit Dvořák noch übertraf, aber schwer vom Heimatverlust, einem Grundübel des 20. Jahrhunderts, betroffen wurde. Leoš Janáčeks Kammermusik schließlich trägt, wie alle Hervorbringungen dieses Spätentwicklers, den Stempel des Außerordentlichen, Herkunftsräume Sprengenden.
Eine nachdrückliche Hinwendung zu tschechischen Musikschöpfungen ist für die Salzburger Festspiele keineswegs etwas Exotisches – die gesamteuropäischen Ideen der Gründerväter nach dem Ersten Weltkrieg reflektierten ausdrücklich auf die „tiefen Halbtöne“ (Hofmannsthal) der slawischen Expressivität, wie sie sich bei Dvořák und verwandten Musikalitäten manifestieren.

Hans-Klaus Jungheinrich




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