PROGRAMMDETAIL
Japan – Alte Musikformen in neuer Klangsprache
PROGRAMM
GAGAKU TRADITIONELL • Instrumentale Solo- und Ensemblestücke
TOSHIO HOSOKAWA • New Seeds of Contemplation – Mandala für Shōmyō- und Gagaku-Ensemble (1986/95)
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Ohne Titel, © Eva Schlegel
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KARTEN 22. Juli, 21:00 Uhr Bitte warten ...
Kollegienkirche
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EDITORIAL 2013
von Alexander Pereira und Florian Wiegand
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Salzburg contemporary
„Now with a single step, your journey starts“: Sir Gawain muss Camelot verlassen. Er hat König Arthurs Ehre verteidigt und den frechen Grünen Ritter enthauptet, muss aber, so die Abmachung mit dem geheimnisvollen Kempen, der seinen Kopf nahm und von dannen zog, über Jahr und Tag den Gegenschlag empfangen, – weit im Norden, an der Grünen Kapelle. Gawains Prüfungszeit beginnt. Er wird lebend nach Camelot zurückkehren, doch nicht als Held … Altertümlich erscheinende Riten, Prozessionen, Zyklen, ja überhaupt ein beziehungsreich-kreatives Verhältnis zur Geschichte seines Kulturkreises in den letzten tausend Jahren kennzeichnen das Schaffen des Briten Harrison Birtwistle (*1934 in Accrington) auch und gerade in seiner Oper Gawain, deren immer wieder kreisende Handlung seinen musikalischen Interessen ideal entspricht. Mittelalterliche Satztechniken wie Organum, Isorhythmie oder Hoquetus gehören genauso zu diesen wie an Strawinsky, Webern, Messiaen oder Varèse geschulte Elemente – und als seinen größten Lehrmeister nennt Birtwistle überhaupt den Maler und Grafiker Paul Klee. „Parlez-moi d’amour“, bat Lucienne Boyer einst im Tonfall schwebender Melancholie – eine viel sanftere Verführerin als Lady de Hautdesert, die Gawain zusetzt. Als Tōru Takemitsu (1930–1996) das Chanson zum ersten Mal vernahm, kratzte eine behelfsmäßige Nadel aus Bambus über eine Schellackplatte, war das Hören westlicher Musik verboten und der damals 14-Jährige ein Soldat der japanischen Armee im Zweiten Weltkrieg. Diesem ersten musikalischen Schlüsselerlebnis folgte fünfzehn Jahre später ein zweites: beim Besuch eines Bunraku, einem traditionellen japanischen Puppentheater, begleitet vom charakteristisch schnarrenden, unreinen Klang („sawari“) des Shamisen, einer dreisaitigen Laute. Die Musik des Westens, und dabei zunehmend die Avantgarde von Messiaen bis Cage und Konkreter Musik auf der einen Seite, auf der anderen die japanische Überlieferung und ihre enge Beziehung zum Buddhismus: Reich, komplex und widersprüchlich sind die Einflüsse, die den vorwiegend autodidakten Komponisten Takemitsu zur prägenden musikalischen Stimme Japans machten. Wenn Takemitsu feststellt, er wolle „einen Klang zustande bringen, der so intensiv ist wie die Stille“, dann wird auch der spirituelle Aspekt seines Schaffens offenkundig. Trotzdem blieb er zeitlebens ein Dialektiker. „Ich würde mich gerne in zwei Richtungen auf einmal entwickeln, als Japaner, was die Tradition, als Westler, was die Neuerungen betrifft. Tief in mir würde ich gerne zwei musikalische Genres bewahren, jedes in seiner eigenen, ihm legitimen Form … Ich will diesen fruchtbaren Widerspruch nicht aufheben, im Gegenteil, ich möchte, daß diese beiden Blöcke miteinander streiten.“ Die Spannung zwischen den Kulturen nützt auch Toshio Hosokawa (*1955 in Hiroshima) als Motor seiner Kreativität, kam er doch nach erstem Unterricht in Tokio 1976 nach Berlin, um bei Isang Yun zu studieren. Als Keimzelle seines musikalischen Verständnisses ließe sich bei Hosokawa der weiter oben schon erwähnte traditionelle Begriff des „sawari“ dingfest machen, also eines Klangereignisses, das quasi künstliche Reinheit und natürliche Geräuschhaftigkeit gleichermaßen in sich trägt. Schon sehr früh habe er als Komponist nach einer Musik gestrebt, „die die Welt im Innersten des menschlichen Herzens heftig in Schwingungen versetzt“. Vom Verb „sawaru“ (berühren, anfassen) abgeleitet, vernimmt der Komponist in dem Ausdruck genau jenes in Schwingungen versetzte Zentrum. „Bei uns gibt es folgendes Sprichwort: ‚Man kann das Buddha-Sein in einer einzigen Note erreichen.‘ Vielleicht ist das die Erfahrung eines Menschen, der sich durch das intensive Hören eines einzigen Klanges, in welchem die Welt reflektiert wird, mit diesem vereint und somit mit der ‚kosmischen Zeit‘ eins wird, die die tiefste Schicht unseres Seins hinabfließt.“ Japanische Gärten sind penibel geplant, vermitteln aber durch ihre bewusste Asymmetrie ein scheinbar natürlich gewachsenes Ambiente – Takemitsu und Hosokawa teilten eine Vorliebe für solche Anlagen. Verglich Hosokawa seine Musik einmal mit dem langsamen Schreiten durch einen Garten, denkt Birtwistle bei seinen Werken ganz ähnlich an „einen Spaziergang um des Gehens willen, einen Spaziergang ohne Ziel“: Auch Englische Gärten simulieren ja eine unberührte, vom Menschen nicht in geometrische Formen gezwungene Natur. Aus solchem Denken erwachsen Birtwistles oft herb und kompromisslos wirkende, stets aber organisch empfundene Klänge, die sich kurzfristigen menschlichen Zielen verweigern und vielmehr übergeordneten Gesetzen zu gehorchen scheinen. Die Reise in ferne (Klang-)Welten – sie beginnt mit dem ersten Schritt.
Walter Weidringer
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